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Fado - von der Sucht nach Sehnsucht

Das Publikum im Theater des Casinos von Estoril ist gekleidet wie auf dem Wochenmarkt. Und doch knistert es in den Reihen vor freudiger Erwartung. Die Menschen sind gekommen, um ihrer Ikone zu huldigen: Amalia Rodrigues! Bereits drei Jahre nach ihrem Tod im Jahre 1999 war der Göttin des Fado mit dem Musical „Amalia!“ ein Denkmal gesetzt. Seitdem steht es den Portugiesen als Tränke zur Verfügung, an der sie ihre Sucht nach Sehnsucht vorübergehend stillen können.

Das Stück wird von Beginn an in warme Applauswatte gepackt. Am Schluß reagiert die Masse wie ein Schwarm tropischer Fische, der einen elektrischen Impuls kollektiv pariert. Wenn sich tausend Menschen impulsiv erheben, um einen komplizierten Rhytmus zu klatschen, der den herzzerreißenden Abgesang Amalias wie ein Fangnetz unterlegt, wird selbst dem adrett gekleideten Besucher aus der norddeutschen Tiefebene klar, dass Fado Volksmusik ist.

Die S-Bahn von Estoril nach Lisboa sollte ins Weltkulturerbe eingehen. Wo sonst darf man eine schnatternde Schar geschminkter junger Mädchen auf dem Weg in die Disco bis ins Herz der Stadt begleiten und dabei den parallel laufenden Atlantik in die Tejomündung branden sehen? Es ist meine erste Nacht in Lissabon. An der Endstation Cais do Sodre ziehe ich es vor, den entgegengesetzten Weg am Tejo einzuschlagen, als meine aufgekratzten Mitreisenden.  Nach einiger Zeit verfinsteren sich die Straßen, nur vor den Eingängen der Cafes liegen grelle Neonbahnen aus.

Ich steige eine schmale Steintreppe zwischen zwei Häuserwänden hinauf, auf denen die schabenden Schultern meiner Vorgänger helle Spuren hinterlassen haben. Ohne es zu ahnen bin ich in die Alfama geraten, Lissabons ältestem Stadtviertel. Niemand begegnet mir auf den ausgetretenen Pfaden. Es ist ein regnerischer Dienstag im Januar, die Alfama atmet durch ihr Mauerwerk, das ohne die Touristenschwärme im Gedärm zu alter Autorität findet. Die geschlossene Stadt trägt schwarz in dieser Nacht, selbst die Straßenlaternen halten sich im Erhellen des  Mysteriums zurück.

Die Rua de Sao Pedro mündet gegenüber dem Fadomuseum in einen schmucklosen Platz. Einige Häuser sind in Plastikbahnen verhüllt. Als eine Böe an ihnen zerrt, entdecke ich dahinter einen beleuchteten Eingang, in dem eine stolze Dame sitzt. Wie ferngesteuert bewege ich mich auf sie zu. Mit einer Handbewegung gibt sie das Lokal zur Besichtigung frei. Ich schreite unter der gewölbten Decke zwischen gedeckten Tischen an einer gekachelten Gemäldegalerie entlang.  Zwei Männer unterhalten sich an einem Tisch mit einer Frau. Sonst sind keine Gäste hier. Die Kellnerin teilt mir mit, dass Argentina mich auf einen Portwein einladen möchte. Ich setze mich, als zwei Herren vor mir an der Säule Platz nehmen. Der eine hält eine portugiesische Gitarre in Händen, der andere eine spanische. Die portugiesische Gitarre wirft  einige spielerische Kaskaden aus, die den Raum erkunden und beim heruntertropfen vom Rhythmus der spanischen Kollegin virtuos aufgefangen werden. Ich proste Argentina Santos zu, die eine bedeutende Fadosängerin gewesen ist und jetzt über ihren Tempel wacht, dem Parreirinha de Alfama.

Ein Mann im schwarzen Anzug nähert sich gesenkten Hauptes und mit gefalteten Händen von der Bar. Er schließt die Augen und beginnt Musik zu inhalieren. Mit jedem Atemzug hebt sich der Kopf. Er preßt einen glockenhellen Ton aus der Körpertube, der sich im Klanggespinst der Gitarren die Hörner abstößt. „Erbaue, Lydia, nichts in jenem Raume, der dich die Zukunft dünkt/ Erfülle dich ohne zu warten/ Du selbst bist dein Leben/ Verfüg nicht über dich, als gäbs ein Morgen/ Wer weiß, ob dir das Schicksal nicht den Abgrund vorbestimmt“.

Beim ausklingen des letzten Wortes breche ich in Beifall aus. Argentina lächelt. Die Portugiesen, das wußte ich nicht, ertränken das letzte Wort  immer in Applaus, auf diese Weise weben sie dem Fado ihre Begeisterung an, werden sie Teil seiner Poesie. Während der Darbietung herrscht absulute Aufmerksamkeit, wer mit dem Nachbarn tuschelt, den strafen Blicke wie Elektroschocks. Ist es nicht herrlich, dass Poesie in der Lage ist, dem Pöbel Grenzen aufzuzeigen? Bei Argentina Santos befinde ich mich zum erstenmal in siegreicher Gesellschaft.

Meine Absätze hallen auf den elfenbeinfarbigen Moisaikbahnen der Baixa wider. Dies ist das Reich der calceteiros, der Steinsetzer, die mir heitere Kalligrafien aus Blaubasalt in den Weg gehämmert haben. „Ihr Ausländer denkt vielleicht, dass Fado und Saudade etwas sehr Schmerzhaftes, ja Trauriges ist,“ hatte Misia kürzlich in einem Interview gesagt. Amalia selbst hatte Misia zu ihrer legitimen Nachfolgerin ernannt. „Aber für uns Portugiesen ist Saudade ein angenehmes Gefühl. Saudade ist nicht nur Nostalgie, nicht nur das Aroma von längst Vergangenem oder frisch Verwehtem, Saudade ist ein Versprechen. Etwas, was nicht sterben kann. Ich glaube, dass man im Fado eine hohe  Spiritualität erreichen kann.“

 

 

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