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V2 Schneider

Malin zuckte erschrocken zusammen, als sich der Intercity mit dumpfen Knall in den Wirbel eines entgegen kommenden Zuges warf. Kurz darauf aber fand der Zug aus kurzer Erschütterung wieder in seinen schwebeartigen Zustand zurück. Langsam, wie bei einem Aderlass, wich der Schreck aus Malins Gliedern. Am Fenster raste fauchend ein endloses braunes Band vorbei. Als sich seine Augen zu gewöhnen begannen, lehnte er sich an die Scheibe und sah so weit es ging voraus. Er konzentrierte sich auf einen Wagon in der Ferne und versuchte nun, ihn so lange wie möglich im Auge zu behalten, was nicht immer gut gelang, da sie ihm rasend schnell entzogen wurden. Nach drei, vier Versuchen hatte er immerhin heraus gefunden, dass es sich um Viehwagons handelte, ihm war sogar, als hätte er einem in die Gitterstäbe geklemmten Schwein in die Augen gesehen. Malin lehnte sich zurück. Erst jetzt bemerkte er, dass die Aufzeichnung weiter gelaufen war, dass sie sich lediglich wie eine Kuchengabel unter die Torte der greifbaren Realität geschoben hatte. Er drückte die Ohrstöpsel zurecht und lauschte wieder dieser hilflosen Stimme. Sie tat ihm leid, sie wusste nicht, für wen sie sprechen sollte. Es stand kein Mensch hinter ihr, der sie mit seinen Gefühlen hätte fordern können, hinter ihr stand das sprachlose Monster der Unschuld: SS-Unterscharführer Gerhard Schneider, vernommen und auf Band festgehalten während der Frankfurter Auschwitzprozesse im Jahre 1964.

„Sie sind angekommen in Viehwagons, immer drei- bis viertausend Menschen, alle aus Warschau. Dazwischen sind aber auch noch Züge gekommen von anderen Orten, die hat man, weil die Stalingradoffensive im Gange war, hat man die Judentransporte an einem Bahnhof stehen lassen. Und noch dazu vielfach in französischen Wagen. Die waren aus Blech, also so, dass es war, dass in Treblinka angekommen sind fünftausend Juden und davon waren dreitausend tot. Ausgeladen hat man Halbtote und Halbwahnsinnige. Die Toten hat man aufgeschichtet. Aufeinandergeschichtet, so hoch. An der Rampe. Die waren aufgeschichtet wie Holz.“
Eine Dame gesellte sich zu Malin ins Abteil. Sie trug ein leichtes, geblümtes gelbes Sommerkleid und weiße Handschuhe. Sie nickte kurz und nahm ihm gegenüber am Fenster Platz.  
„Der erste Eindruck in Treblinka für mich und meine Kameraden war katastrophal. Weil man uns nicht gesagt hat, wie und was, dass dort Menschen getötet werden, das hat man uns nicht gesagt. Man hat gesagt, der Führer hat Umsiedlungsaktionen angeordnet, das ist ein Führerbefehl, verstehen Sie? Man hat nie gesagt töten. Na, dann hat uns der Spieß, hat uns das Lager gezeigt. Und als wir hinauf kamen gingen gerade die Türen auf von der Gaskammer und die Menschen fielen heraus wie Kartoffeln.“
Malin drückte die Stopptaste. Ihm zur Seite schwang sich eine Hochspannungsleitung in eleganten Sätzen durch die Landschaft, die Weiden waren mit Kühen besprenkelt, welche wiederkäuend im Matsch lagen. Seine Begleiterin hatte die Augen geschlossen, das einfallende Sonnenlicht wärmte ihren Schoß. Sie atmete tief und regelmäßig, als hielte sie die Zügel ihres Tagtraums fest in der Hand.
Er verließ das Abteil und zündete sich auf dem Gang eine Zigarette an. Der Zug legte sich in die Kurve. Das Lichtquadrat kroch von den Oberschenkeln der Frau auf den freien Sitz neben ihr. Im gleichen Tempo, in dem die Beine in den Schatten gerieten, erlosch das Lächeln auf ihrem Gesicht, das sie in den letzten Minuten so betörend zur Schau gestellt hatte. Es kehrte erst wieder, als die Sonne günstig stand. Mit jedem Zentimeter, den sich das scharfkantige Lichteck auf dem textilen Blumenfeld zurück eroberte, schien die Frau aus ihrer kurzfristigen Starre zu erwachen. Malin sah der Wiedergeburt der schönen Unbekannten fasziniert zu – sie war hinter Glas ausgestellt, wie eine Ikone der Sinnlichkeit,. Als das warme Sonnengold zwischen ihre leicht gespreizten Beine fiel, warf sie den Kopf nach oben und öffnete die Lippen, als würde sie schreien. Er konnte den Schrei nicht hören aber er sah ihn. Für einen kurzen Moment begegneten sich ihre Blicke. Die Frau strich hastig ihr Kleid zurecht und drängte kurz darauf an ihm vorbei Richtung Speisewagen. Malin öffnete das Fenster und gestattete dem Wind, ihm peitschend in die Haare zu fahren. Als er an seinen Platz zurückkehrte, fühlte er sich von einem Duft umhüllt, wie ihn kein Labor der Welt herzustellen vermochte. Bevor er sich seine Ohrstöpsel einsetzte, inhalierte er die flüchtige Essenz wie ein Lebenselixier.
„Das waren die heißen Augusttage. Das Erdreich hat sich bewegt wie Wellen, durch die Gase. Der Geruch war infernalisch. Das hat furchtbar gestunken, dass man es kilometerweit, überall, je nachdem wie der Wind ging, so war der Gestank, verstehen Sie? Die Juden haben es geahnt, die haben es geahnt ... Sie waren vielleicht im Zweifel, aber manche werden es gewusst haben. Zum Beispiel waren jüdische Frauen, die haben ihren Töchtern in der Nacht die Adern geöffnet und sich selbst, andere haben sich vergiftet, weil sie doch das Rattern der Motoren von den Gaskammern gehört haben. Da war ein Panzermotor in dieser Gaskammer. In Treblinka hat man nur Auspuffgase genommen.“
Zwei elegante alte Herren in offenen Kaschmirmänteln öffneten die Tür zum Abteil. Ein kalter Hauch umwehte sie, ähnlich dem, den eine einfahrende U-Bahn in die Station drückt. Sie mochten um die achtzig sein, wuchteten ihre Koffer aber erstaunlich behände auf die Ablage. Malin blickte in ihre gebräunten, mit Altersflecken gesprenkelten Gesichter. Er hatte sich im Laufe der Jahre die Fähigkeit erworben, die Physiognomien der Menschen auf der Zeitspur sowohl nach vorne als auch nach hinten bewegen zu können. Hinter jeder Physiognomie steckte eine Mutterpflanze. Das wahre Gesicht sozusagen, das auf dem Schüttelrost der Zeit allerdings die aberwitzigsten Verrenkungen erfährt. Und diese Männer machten ihm Angst. Ihre blauen Augen, die gescheitelten silbergrauen Haare, die scharfkantig geschnittenen Kinn- und Wangenpartien legten sich in der Verjüngung wie eine deckungsgleiche Folie auf das Bild, das man sich hierzulande einmal vom Herrenmenschen gemacht hatte.
„Und da so viele Leute anfielen, lagen tagelang ganze Haufen von Menschen vor der Gaskammer. Unter diesen Menschen war eine Kloake, zehn  Zentimeter hoch, Blut, Würmer, Dreck. Es wollte das niemand wegräumen. Die Juden, die haben sich lieber erschießen lassen und haben dort nicht arbeiten wollen. So gingen wir selbst hinauf und ließen Riemen schneiden, die hat man den Leichen um die Brust gelegt und hat sie weggeschliffen ...“
Malin drückte seine Schläfe gegen die Fensterscheibe, deren kühler Stempel ihm gut tat. Sie passierten den Bahnhof von Wittenberge, wegen Gleisarbeiten hatten sie das Tempo extrem gedrosselt. Er warf einen Blick in die tristen Straßen. Kinder hockten apathisch im Rinnstein, zerlumpte Gestalten mit Handwagen zogen stumm an ihnen vorbei, sie beachteten die toten Körper nicht, die auf den aufgeworfenen Gehwegen lagen. Die Menschen bewegten sich wie in Gelee gegossen. Aber plötzlich, als hätte man ihnen einen Stromschlag verpasst, flüchteten sie in Hinterhöfe und Hauseingänge, manche verkrochen sich in der Kanalisation. Kurz darauf bogen zwei Männer in schwarzen Uniformen um die Ecke, sie scherzten miteinander wie auf einem Sonntagsspaziergang. Vor der unbekleideten Leiche eines jungen Mädchens hielten sie an. Während der eine mit der Stiefelspitze gegen ihre Brust stieß, zog der andere seine Pistole und feuerte auf das letzte intakte Fenster in der Straße. Gelangweilt setzten sie ihren Weg fort. Hinter ihnen hoben sich die Gullideckel. DAS IST DIE LÖSUNG! stand auf einem Plakat.
In weniger als einer Stunde würde er Simon Goldstein gegenüber stehen. Der 97jährige war der letzte seiner Art, der letzte bekannte Überlebende eines deutschen Konzentrationslagers. Malin hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte dieses Mannes aufzuschreiben. Mit Goldstein würden die Opfer ihre letzte Stimme verlieren, aber jedenfalls sein Vermächtnis sollte erhalten bleiben.
„Sieh an,“ bemerkte einer seiner Reisebegleiter, „Schneider ist draußen!“ Er faltete die Zeitung mit der entsprechenden Meldung mehrmals zusammen und reichte sie seinem Gegenüber. Dann griff er in die Tasche seines Jacketts und setzte sich eine Sonnenbrille auf.  
In Malins Ohren dröhnte es, als müsse ihm jeden Moment das Herz aus dem Halse springen. Er schnappte seine Tasche und mühte sich an den alten Männern vorbei auf den Gang. Auf dem Weg zum Speisewagen rempelte er mehrmals gegen die Abteiltüren, was ihm den einen oder anderen bösen Blick bescherte, besonders von den älteren Fahrgästen. Wer um Gottes Willen hatte dieser Generation bloß den Filter des Vergessens ins Gesicht gezogen?
Endlich erreichte er den Speisewagen. Ein Zweiertisch war frei, er musste erst kürzlich verlassen worden sein, denn weder Teetasse noch Eisbecher waren bisher abgeräumt worden. Unter der Zuckerdose lugte ein weißer Handschuh hervor. Malin zerknüllte ihn in der Faust und führte ihn an die Nase.
„Entschuldigen Sie,“ hörte er eine sanfte weibliche Stimme sagen, „haben Sie auf diesem Tisch zufällig einen weißen Handschuh gefunden?“
Er schüttelte den Kopf und verharrte in dem betörenden Duftbad, bis der Zug den Hauptbahnhof von Berlin erreichte.

Diese Kurzgeschichte erschien in dem Buch „Hinterland – 20 Erzählungen, inspiriert von der Musik David Bowies“ (2010 im Wurdack-Verlag, HG. Karla Schmidt)

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