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Ich mach das nicht mehr, mein Junge

11.11.2015 -
Vor fünfzehn Jahren hatte ich das Privileg, für die WELT und später für die Berliner Morgenpost eine Porträtserie über bundesdeutsche Persönlichkeiten schreiben zu dürfen. Drei Jahre lang, jeden Freitag eine ganze Seite. Insgesamt hat es über 200 Begegnungen mit prominenten Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur gegeben Da mir die Redaktionen in die Auswahl meiner Gesprächspartner nicht hinein redeten, konnte ich in der Republik kennenlernen wen ich wollte.

Eine meiner Gesprächspartnerinnen war Loki Schmidt. Sie empfing mich bei Schmidts zuhause in Hamburg-Langenhorn, dort, wo schon Valery Giscard d´Estaing und Leonid Breschnew zu Gast gewesen waren. Ihren Gatten bekam ich nicht zu Gesicht. Während Loki mir ihren Garten zeigte und mich über die Eigenschaften und die Herkunft der exotischen Pflanzen aufklärte, die sie dort so sorgsam pflegte, saß der Altkanzler in seinem Arbeitszimmer und wollte nicht gestört werden.

Ein Jahr später befand ich mich im ICE auf der Rückreise von Berlin nach Hamburg. Ich hatte mich mit dem Schauspieler Michael Maertens getroffen, der gerade am Berliner Ensemble (BE) in der vielumjubelten Inszenierung von Shakespeares Richard II. glänzte. Plötzlich betrat Helmut Schmidt in Begleitung eines Leibwächters den Wagen. Er setzte sich auf die andere Seite des Gangs ans Fenster und blickte versonnen auf die platten, regendurchnässten Wiesen, die in endloser Monotonie an uns vorbeizogen. Den Leibwächter hatte er in die 1. Klasse zurück geschickt, dorthin wo sie hergekommen waren.

Ich brauchte einige Zeit, aber dann fasste ich all meinen Mut zusammen, ging hinüber zu ihm und bat um ein kurzes Gespräch. “Setz dich,” sagte er. Ich folgte der Einladung und erzählte von der Serie, die ich gerade schrieb und in der auch seine Frau schon porträtiert worden war. Er konnte sich daran erinnern, fand Loki auch gut getroffen. “Wären Sie dann ebenfalls bereit, sich mit mir auf ein Gespräch zu treffen, Herr Bundeskanzler?” fragte ich. Er nahm meine Hand, blickte mir in die Augen und antwortete: “Ich mach das nicht mehr, mein Junge”.

Dann sah er aus dem Fenster, als nehme er den gedanklichen Faden wieder auf, der durch mich abrupt gekappt worden war. Ich verzog mich in den Speisewagen.

Die nächsten 15 Jahre, also die Zeit bis kurz vor seinem Tod, sah ich Helmut Schmidt des öfteren im Fernsehen auf Vorträgen oder in Interviews. “Ich mach das nicht mehr, mein Junge,” war wohl nur einem kurzfristigen melancholischen Schub geschuldet, der ihn ausgerechnet an jenem Tag ereilte, als ich mich in dem Glauben wähnte, meiner Arbeit mit Helmut Schmidt die Krone aufsetzen zu können. Es war mir nicht vergönnt.

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