header Master2

ALLES AUF ROT ist eine Privatedition von nur 50 Exemplaren, die ausschließlich für Freunde oder Menschen meines Vertrauens gedacht waren.

Frei nach dem Motto von Jean Paul: “Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde!”

 

LESEPROBE:

Erstaunlich, wie routiniert ich trotz der Wunde, die Divushka gerissen hatte, meinen journalistischen Verpflichtungen nachkam. Die Porträtserie war zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Zeitung geworden, Schludrigkeiten konnte ich mir nicht erlauben. Welch ein Segen, dass mir nach ihrem Weggang Persönlichkeiten wie Jürgen Flimm, Daniel Barenboim und György Konrad zur Verfügung standen. Die Termine waren Wochen vorher verabredet worden, aber es schien, als sei dieses Dreigestirn extra für meinen schweren Liebesunfall rekrutiert worden. Andere Kandidaten aus Deutschlands trivialer  Prominentenriege hätte ich nicht ertragen. Ich war zu der Überzeugung gelangt, dass wir besser den Mund hielten – alle miteinander. Was immer die Selbstdarsteller aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und Showbusiness glaubten von sich geben zu müssen, seit Divushkas reduzierter Poesie war jedes Wort, das nicht im Dienste der Liebe stand, ein Wort zu viel in meinen Ohren. Vielleicht sollte man jedem, der nach Macht und Öffentlichkeit strebt, ein Jahr des Schweigens auferlegen. In einer solchen Gesellschaft würde Verantwortung neu definiert werden.

Flimm hatte mich in seine Wohnung geladen. Er stand kurz davor, die Intendanz des Thalia-Theaters abzugeben und machte aus seiner Müdigkeit keinen Hehl. Ich ließ ihn lethargisch plaudern. Über die Vergesslichkeit unseres politischen Gemeinwesens zum Beispiel und darüber, dass er gerne Pfarrer geworden wäre. Die Tatsache, dass Pfarrer seit Jahrhun- derten nur eine Botschaft predigten, die Botschaft der Liebe, machte für ihn das Wesen der Kommunikation aus. An dem Schriftsteller György Konrad, damals Präsident der Akademie der Künste, gefiel mir, dass er an der Tür seines eigenen Büros anklopfte, wenn er wieder einmal im Hause unterwegs gewesen war, um Unterlagen für meine Arbeit zu besorgen. Der Opernintendant, Pianist und Dirigent Daniel Barenboim erklärte mir, dass Musik die meiste Zeit unerhört bleibt. »Der Klang wohnt nicht in dieser Welt!« Musiker verpassten ihm zwar gelegentlich ein akustisches Gewand, danach aber würde er wieder in die Stille eingehen. Mit dem Schmerz, da waren wir uns einig, verhält es sich ähnlich. Wenn wir nicht schreien, heißt das ja nicht, dass er nicht existiert.

Die Wochen nach Divushkas Auszug verbrachte ich wie in Trance. Ich wanderte unsere Wege ab, um Erinnerungen zu neutralisieren, die wie Tellerminen in der Stadt auslagen. Hier hatte ich erfahren, was Baum auf Russisch heißt, dort steckte sie mit dem Absatz im Siel, über dieses Brückengeländer war sie balanciert, ohne meine ausgestreckte Hand in Anspruch zu nehmen.

Mit Divushka war mir das Samtkissen aus der Auslage meines Lebens gestohlen worden, auf dem die Schmuckstücke der Erinnerung erst ihren wahren Glanz entfalten. Anmut und Herzensbildung dieses Mädchens haben mich beschämt. Vor allem hat sie mich gelehrt, um wie viel reicher ein Mann beschenkt wird, wenn er das Verlangen der Frau höher schätzt, als sein eigenes. In sechs Wochen haben wir viermal miteinander geschlafen, aber jede dieser Nächte war um so vieles kostbarer, als tausend geschnorrte Sexhäppchen, an denen der Zweifel nagt.

Weil ich nicht wagte, sie richtig zu küssen, berührte ich ihre heißen Lippen mit äußerster Ehrfurcht – ein winziges Nippen, nichts Geiles; sie aber presste mit einem ungeduldigen Ruck ihren Mund so fest gegen den meinen, dass ich ihre starken Schneidezähne fühlte und an dem Pfefferminzgeschmack ihres Speichels teilhatte. - Niemand von uns Infizierten hat sich eleganter und sinnlicher zu der Verzauberung bekannt, als Grandseigneur Vladimir Nabokov.

ALLES AUF ROT ist eine Privatedition von nur 50 Exemplaren, die ausschließlich für Freunde oder Menschen meines Vertrauens gedacht waren.

Frei nach dem Motto von Jean Paul: “Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde!”

LESEPROBE:

Erstaunlich, wie routiniert ich trotz der Wunde, die Divushka gerissen hatte, meinen journalistischen Verpflichtungen nachkam. Die Porträtserie war zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Zeitung geworden, Schludrigkeiten konnte ich mir nicht erlauben. Welch ein Segen, dass mir nach ihrem Weggang Persönlichkeiten wie Jürgen Flimm, Daniel Barenboim und György Konrad zur Verfügung standen. Die Termine waren Wochen vorher verabredet worden, aber es schien, als sei dieses Dreigestirn extra für meinen schweren Liebesunfall rekrutiert worden. Andere Kandidaten aus Deutschlands trivialer  Prominentenriege hätte ich nicht ertragen. Ich war zu der Überzeugung gelangt, dass wir besser den Mund hielten – alle miteinander. Was immer die Selbstdarsteller aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und Showbusiness glaubten von sich geben zu müssen, seit Divushkas reduzierter Poesie war jedes Wort, das nicht im Dienste der Liebe stand, ein Wort zu viel in meinen Ohren. Vielleicht sollte man jedem, der nach Macht und Öffentlichkeit strebt, ein Jahr des Schweigens auferlegen. In einer solchen Gesellschaft würde Verantwortung neu definiert werden.

Flimm hatte mich in seine Wohnung geladen. Er stand kurz davor, die Intendanz des Thalia-Theaters abzugeben und machte aus seiner Müdigkeit keinen Hehl. Ich ließ ihn lethargisch plaudern. Über die Vergesslichkeit unseres politischen Gemeinwesens zum Beispiel und darüber, dass er gerne Pfarrer geworden wäre. Die Tatsache, dass Pfarrer seit Jahrhun- derten nur eine Botschaft predigten, die Botschaft der Liebe, machte für ihn das Wesen der Kommunikation aus. An dem Schriftsteller György Konrad, damals Präsident der Akademie der Künste, gefiel mir, dass er an der Tür seines eigenen Büros anklopfte, wenn er wieder einmal im Hause unterwegs gewesen war, um Unterlagen für meine Arbeit zu besorgen. Der Opernintendant, Pianist und Dirigent Daniel Barenboim erklärte mir, dass Musik die meiste Zeit unerhört bleibt. »Der Klang wohnt nicht in dieser Welt!« Musiker verpassten ihm zwar gelegentlich ein akustisches Gewand, danach aber würde er wieder in die Stille eingehen. Mit dem Schmerz, da waren wir uns einig, verhält es sich ähnlich. Wenn wir nicht schreien, heißt das ja nicht, dass er nicht existiert.

Die Wochen nach Divushkas Auszug verbrachte ich wie in Trance. Ich wanderte unsere Wege ab, um Erinnerungen zu neutralisieren, die wie Tellerminen in der Stadt auslagen. Hier hatte ich erfahren, was Baum auf Russisch heißt, dort steckte sie mit dem Absatz im Siel, über dieses Brückengeländer war sie balanciert, ohne meine ausgestreckte Hand in Anspruch zu nehmen.

Mit Divushka war mir das Samtkissen aus der Auslage meines Lebens gestohlen worden, auf dem die Schmuckstücke der Erinnerung erst ihren wahren Glanz entfalten. Anmut und Herzensbildung dieses Mädchens haben mich beschämt. Vor allem hat sie mich gelehrt, um wie viel reicher ein Mann beschenkt wird, wenn er das Verlangen der Frau höher schätzt, als sein eigenes. In sechs Wochen haben wir viermal miteinander geschlafen, aber jede dieser Nächte war um so vieles kostbarer, als tausend geschnorrte Sexhäppchen, an denen der Zweifel nagt.

Weil ich nicht wagte, sie richtig zu küssen, berührte ich ihre heißen Lippen mit äußerster Ehrfurcht – ein winziges Nippen, nichts Geiles; sie aber presste mit einem ungeduldigen Ruck ihren Mund so fest gegen den meinen, dass ich ihre starken Schneidezähne fühlte und an dem Pfefferminzgeschmack ihres Speichels teilhatte. - Niemand von uns Infizierten hat sich eleganter und sinnlicher zu der Verzauberung bekannt, als Grandseigneur Vladimir Nabokov.

In diesem Augenblick liegt der Schrei Neugeborener in der Luft,
ist das Röcheln Sterbender um uns.
In diesem wie in jedem Augenblick werden Messer in Hälse gerammt,
rütteln Gefangene an Gittern,
gleiten Zungen in fremde Münder.

Es wird Beifall geklatscht in diesem Augenblick
und auf Vögel geschossen.
Bäume fallen und ein Stein wird Geist.
In den Konzertsälen erklingt die Kleine Nachtmusik.
In diesem Augenblick werden Unterschriften geleistet,
Knochen gebrochen,
Lostrommeln gerührt.

Es beten Menschen in diesem Augenblick.
Rund um den Globus schrillen Telefone,
bellen Hunde,
starten Jets.

Es schneit in den Bergen.
Ein Dichter findet endlich ein Wort.
In stillen Buchten genießen Hunderttausende die Einsamkeit.
Man tanzt auf den Tischen in diesem Augenblick,
operiert, schnarcht und verzeiht.

Huren hocken auf Bidets,
es werden Brieftaschen gezückt,
Liebesbriefe parfümiert
und Kartoffeln geschält.
Betrunkene fallen von Barhockern,
Richter rücken ihre Roben zurecht,
alle Welt sagt ICH.

Wieviel Stahlhelme werden in diesem Augenblick aufgesetzt?
In wieviel Männerhänden glimmt ein Streichholz?
Wieviele Frauen zünden sich daran ihre Zigaretten an?
Die Taschendiebe halten ihre Finger geschmeidig,
an unendlichen Schwüren richten sich jetzt die Träume auf.
Ringe werde geschmiedet und Pläne der Unterjochung.

In den Städten frieren Kamele,
Frauen bereiten sich auf den Blick in den Spiegel vor,
heiß weht das Heroin die Sensiblen an.
In den Wäldern geht der Sturm um.
Hier und dort erhellen Blitzlichter die Szene.

Nachrichten laufen ein in diesem Augenblick.
Grenzgänger lassen auf Geheiß die Hosen fallen,
Kinder ziehen Regenwürmer lang.

Was fühlen die Selbstmörder, die gerade von den Brücken fallen,
was die Linksaußen beim Absingen der Nationalhymnen?

Präsidenten lassen entscheiden und befummeln ihre Speckkörper.
Wir geben Probealarm und Almosen,
Verschüttete sind nicht mehr zu retten.

In diesem Augenblick werden Zahlen zu Begriffen,
spritzen abgeschnittene Fußnägel an Heizungskörper,
tatstet die Natur in den Fischen nach Gegengiften,
explodieren Tellerminen.

In diesem Augenblick erfahren die Todgeweihten
von ihrer unheilbaren Krankheit.
In diesem Augenblick ist das hysterische Lachen um uns,
die Fäulnis,
die Stille …

In diesem wie in jedem anderen Augenblick springt die Physiognomie  eines
jungen Gesichts aus der schützenden Unschuld,
gewinnt ein Spieler an Einsicht.

In diesem Augenblick haben wir eine Chance.
In diesem Augenblick galoppiert ein weißes Pony auf die Straße.
NDR 2.
In diesem Augenblick ist es sieben Uhr.
Guten Morgen, meine Damen und Herren, wir senden Nachrichten.

Wenn man sich alle Ereignisse, die auf der Erde stattfinden, als einen lebendigen „Ereigniskörper“ vorstellen würde, käme man zu der Erkenntnis, dass die Struktur dieses Körpers in jedem Augenblick aus dem Fundus sich endlos wiederholender Handlungen erwächst. Die Messer, die in diesem Augenblick in Hälse gerammt werden, sind immer in Aktion, wenn auch nicht ganz so häufig wie die Nationalhymnen, die in diesem Augenblick gesungen werden. Jedes Ereignis hat ein ganz bestimmtes Volumen, ein bemessenes Potential, mit dem es zu jeder Zeit zum allumfassenden Leben beiträgt. Dieses allumfassende Leben bleibt aber größtenteils unerkannt, was natürlich nichts an seiner Vollkommenheit ändert.  Aufgrund unseres verkümmerten Bewusstseins gewinnen wir lediglich einen extrem beschränkten Eindruck von der Wirklichkeit. Das fatale daran ist, dass wir diesen Eindruck für die Realität halten. Aber unsere sogenannte Realität hat den Tiefgang einer Badeente. Ebenso die Wissenschaft, auf die wir so vertrauen. Dabei stochert sie doch nur hilflos mit der Taschenlampe in einem unermesslichen Universum herum und verkauft uns das, was zufällig in ihren Lichtstrahl gerät, als Ultima Ratio.

Nun muss man nicht gleich zusammen zucken, wenn ich unserer Spezies ein verkümmertes Bewusstsein unterstelle. Der vor zwei Jahren verstorbene Physiker Ernst Senkowski meinte, dass die geistigen Niederungen, in die sich die Menschheit verstiegen hat, hausgemacht sind. In einem Interview sagte er folgendes: „Unsere Begrenzungen haben wir von klein auf an eingetrichtert bekommen. Dieses System hat eine maßlose Trägheit in sich, weil wir es immer wieder reproduzieren, wir erziehen unsere Kinder immer wieder in dieses System hinein. Die Ansätze, die wir machen, um unser System an den Grenzen zu erweitern, kranken an folgendem: ich kann aus einem begrenzten System nur sehr schwer in ein breiteres oder weiteres System wechseln. Man muss sich das wie ein Trichter vorstellen. Oben ist das erweiterte System und unten sitzen wir. Jetzt wird oben ein Bündel Heu hinein geworfen und bei uns landet allenfalls ein dünner Strohhalm. Damit werden wir noch eine Weile leben müssen.“

We are people with a straw, wir erkennen gerade noch die Cola, in die wir unseren Strohhalm stecken. Wirklich vertraut sind wir nur mit dem kapitalistischen Cola-Imperium, seinen Gesetzen und scheinheiligen Werten. An ihm orientieren wir uns, das ist unser Maßstab. Den Mut, seinen eigenen Intentionen nachzugehen und sein eigener Wahrheitssucher zu werden, bringen nur noch wenige Menschen in dieser verängstigten, überwachten und auf Sicherheit bedachten Leistungsgesellschaft auf, die mit Hilfe ihrer gleichgeschalteten Medien perfekt auszusortieren versteht, was nicht mit dem Strom schwimmt.

So tapsen wir also blind durch das fantastische Mysterium unseres Lebens. Erst wenn unsere Zeit abgelaufen ist und es ans Sterben geht, wohlmöglich erst in der Sekunde, wenn unser Atem reißt, wenn wir loslassen müssen und keine Möglichkeit mehr besteht, sich ins vertraute Leben zurück zu beißen, erst dann erkennen wir unsere Defizite, die unsere persönliche Geschichte geprägt haben. Erst dann sind wir empfänglich für die Wahrheit, die wir so grandios verpasst haben. Für die Wahrheit zum Beispiel, dass jede Substanz in ihrem gegenwärtigen Zustand alle ihre vergangenen und zukünftigen Aufgaben birgt, wie es die Quantenphysik behauptet. Sie drückt das ganze Universum aus, da nichts vom anderen so weit entfernt ist, dass es nicht Verbindung mit ihm hätte. Der Quantenphysiker Walter Thurner sprach von der Welt als Meer der unendlichen Möglichkeiten, in dem alles gespeichert ist, was jemals von irgendeiner Kreatur gedacht oder gefühlt wurde oder noch gedacht oder gefühlt werden wird. Das Meer der unendlichen Möglichkeiten ist das allumfassende Ganze, in dem die Materie nur ein unbedeutender Ausfluss ist.

Mit der Quantenphysik hat man nun ein Instrument in der Hand, mit dem sich eine Brücke bauen ließe zwischen dem religiösen Potential des Menschen und seinem Verstand, zwischen Religion und Wissenschaft. Natürlich ist die Quantenphysik bei klassischen Physikern noch immer umstritten, ihre Schwierigkeit besteht darin, dass sie keine konkreten Beweise auf den Tisch legen kann. Sobald nämlich der Verstand mitspielt, ist das Ergebnis immer infrage zu stellen. Die Quantenwelt ist für den menschlichen Verstand eine No-Go-Area. Im Umgang mit den Quanten dürfen wir uns eben nicht des Verstandes bedienen, sondern müssen lernen, die Botschaften auf andere Weise zu empfangen. Sobald uns das gelingt, geraten wir in Verbindung.

Jetzt fragen Sie mit recht, mit was? Schon mal was von der Akasha-Chronik gehört? Mit der Akasha-Chronik ist ein übersinnliches „Buch des Lebens“ gemeint, das in immaterieller Form ein allumfassendes Weltgedächtnis enthält. Der Begriff Akasha leitet sich aus dem Sanskrit her und steht für Himmel, Raum oder Äther. Die Vorstellung eines Weltgedächtnisses hat in Europa eine lange Tradition, sie geht bis auf den antiken Philosophen Plotin zurück, der 200 Jahre vor Christus gelebt hat. Helena Petrovna Blavatsky, die Begründerin der modernen Theosophie, bezeichnet die Chronik als Aufzeichnung von allem was war, ist oder je sein wird. Die Urtraditionen wussten das und wissen es noch heute, die Kunst weiß es und jetzt weiß es endlich auch ein Teil der Wissenschaft.

Hätten wir nicht auch endlich Lust, uns mit diesen Dingen zu beschäftigen, anstatt ständig Gefahr zu laufen, am Fliegenfänger einer pervertierten Konkurrenzgesellschaft hängen zu bleiben und deren lächerliche Wahrheiten als alternativlos zu verinnerlichen. Haben wir wirklich vergessen, was Neugierde bedeutet und was sie bewirken kann? Was es bedeutet zu leben, anstatt zu überleben?

Wie geht man mit der Tatsache um, dass man einer Spezies angehört, die sich blind in den kollektiven Untergang wühlt und dabei alles andere Leben aus dem Gleichgewicht reißt, ohne dass man auch nur die geringste Möglichkeit hätte, dieser verheerenden Entwicklung entgegen zu wirken? Jahrzehntelang haben wir uns in unserer Ohnmacht mit immer neuen Parolen rüsten müssen: Rettet die Nordsee, rettet das Nashorn und das Klima, rettet den Regenwald, rettet den, die, das. Das Ergebnis? RETTE SICH WER KANN!

In meinem letzten Artikel hier auf KenFM schrieb ich, dass es ja nicht die Herausforderungen sind, die uns ohnmächtig werden lassen, sondern das verbreitete Gefühl, nicht an der praktischen Umsetzung von Lösungsansätzen teilnehmen zu können. Das Problem ist nicht die Krise! Das wirkliche Problem ist das Gefühl der Machtlosigkeit, dieser Eindruck, mit gebundenen Händen dazustehen und nichts anderes tun zu können. Wie schafft man es nun, angesichts der permanent sich verschlimmernden Zustände nicht verrückt zu werden? Diese Frage scheint inzwischen immer mehr Menschen zu beschäftigen. Wie schnell wir der Verzweiflung nahe kommen können, beweist dieser Kommentar, den mir ein FB-Freund gepostet hat:

“Deine Beiträge auf Facebook rühren mich sehr an. Auch meine Aufgabe habe ich im Wort und im Schreiben gesehen, jedoch unterliege ich seit einigen Monaten einer vollkommenen Schreibblockade. Was du an Argumenten anführst, macht mir klar, warum ich derzeit schweige. Alle Dinge laufen so sehr aus dem Ruder, da ist der Einzelne als einsamer Rufer verloren und das Leben verliert zusehends an Sinn.”

Die folgenden Aussagen aus einer E-Mail, die mich vor kurzem erreichte, möchte ich ebenfalls nicht unerwähnt lassen.

„Guten Abend Herr Fleck,

ich muss Ihnen sagen, dass es unglaublich gut tut (wenigstens für den Moment des lesens oder hörens) Ihnen zuzuhören, oder Ihre Artikel zu lesen. Warum sage ich das? Weil es mir in Bezug auf unsere Erde exakt genauso geht wie Ihnen. Man ist aktiv, illegal und legal, man engagiert sich, sucht nach Lösungen. Und um so länger man das tut, um so schlechter kann man schlafen, um so schlechter kriegt man die Bilder aus dem Kopf und um so mehr versucht sich die Verzweiflung breit zu machen. Ich denke auch, dass es zu spät ist. Was mich nur unsagbar traurig macht ist, was wir mit uns in die Tiefe reißen. Ich hasse meine Spezies so hochintensiv für diese pausenlosen Perversitäten.“

Der Mann ist Geschäftsführer eines sehr erfolgreichen Berliner Unternehmens. Sein Brief schließt mit den Worten: „Ich hatte ein wirklich interessantes Leben mit vielen Erlebnissen, die der allerallergrößte Teil der Bevölkerung nur aus dem Kino kennt. Und doch ist es wertlos, weniger wert als ein Windhauch oder eine Welle. Damit kann ich leben, womit ich nicht leben kann, ist meine Hilflosigkeit. Wie haben Sie Ihren inneren Frieden gefunden, wenn Sie ihn denn gefunden haben? Wie kommt man mit sich selbst ins Reine?“

Eine gute Frage. Vielleicht sollte man sich häufiger bewusst machen, dass hinter dem, was wir als Realität bezeichnen, eine ganz andere Wirklichkeit steckt, welche mit den Mitteln des Verstandes gar nicht oder nur unzureichend erklärt werden kann, eine Wirklichkeit, die sich jeder Etikettierung verschließt. Die Naturwissenschaften sind nicht in der Lage zu erkennen, dass sich ihnen die Natur nur so vorstellt, wie es ihre Messmethoden erlauben. Also: welche Art von Wirklichkeit erkenne ich, wenn ich mit dieser Art zu denken der Wahrheit auf die Schliche kommen will? Unsere sogenannte Realität, also das, was wir begrifflich festgelegt haben und aus der unter anderem auch unser Leid und unsere Empörung erwachsen, ist lediglich eine dreidimensionale Folie, die über die Wahrheit gezogen wurde. Wir sollten uns daher immer wieder bewusst machen, dass wir nur ein einziges Instrument zur Verfügung haben, um das Mysterium unserer Existenz zu ergründen: uns selbst! Unsere Sinne!  Jedes Individuum ist sein eigenes Medium. Wir haben uns zwar darauf geeinigt, etwas blau zu nennen, aber ob das Blau, das meine Mitmenschen wahrnehmen, von gleicher Farbe ist wie das Blau, das ich sehe, steht auf ewig in den Sternen. Wichtig ist, uns klar zu machen, dass wir alleine geboren wurden und alleine sterben werden. Und dass wir bei genauerer Betrachtung auch alleine leben. Daran ändert auch die Mitgliedschaft in Kegelclubs oder Esoterikzirkeln nichts.

Jeder von uns hat eine Vorstellung von sich selbst, wir definieren uns über Eigenschaften wie schüchtern, großzügig, eifersüchtig, ehrgeizig, galant, abergläubisch, tierlieb, zärtlich, treu, flatterhaft, pedantisch, vergesslich, gutgläubig, verantwortungsbewusst und was uns sonst noch alles einfallen mag. Nichts davon ist in den Laboren der Wissenschaft beweisbar. Nach den Regeln der Vernunft („Ich glaube nur, was ich sehe“) gibt es uns gar nicht. Und trotzdem haben wir eine genaue Vorstellung von unserem Wesen, obwohl es sich jedem wissenschaftlichen Beweis entzieht. Der Mensch besitzt nichts, weder seinen Körper, der ihm jederzeit genommen werden kann, noch irgendeine Wahrheit, die ihm beim nächsten genauen Hinsehen ohnehin wieder abhanden kommt. Alles, was auf uns Eindruck macht, jede Idee, „die uns kommt“, gehört uns nicht, es sind flüchtige Leihgaben. Wir sind Gespenster, die sich über ihre Einbildungen definieren … Wer mir bis hierhin nicht folgen mag, darf das gerne wieder als „spirituelles Geschwurbel“ abtun.

„Wissen Sie, was ich glaube? Dass wir in eine Welt hineingeboren wurden, in der sich niemand mehr die Zeit nimmt, der zu werden, der er ist – und all diese Menschen, die nicht sie selbst sind, verletzen die wenigen Menschen, die sich diese Zeit nehmen.“ Das hat der von mir sehr verehrte Sean Penn gesagt und ich denke, er hat verdammt recht damit.

Aber zurück zu den verzweifelten Texten, die ich eingangs zitierte. Was soll ich sagen? Wir befinden uns ohne Zweifel an einem Wendepunkt der Geschichte. Eine bessere Welt ist aber nur möglich, wenn wir zu einer grundsätzlich anderen Lebens- und Weltanschauung finden. Es gibt inzwischen viele Menschen auf der Welt, die diesen Bewusstseinswandel vollzogen haben, und täglich werden es mehr. All das passiert in einem ungeheuren Tempo, und es passiert jetzt. Die Vertreter des alten Systems wissen das. Sie wissen, dass ihre Richtlinien, Normen und Werte nicht mehr funktionieren. An solchen Wendepunkten nehmen wir Abschied von der Persönlichkeit, die wir waren. Wir begrüßen die Person, die wir gerade werden. Unsere Ängste entsprechen denen, die wir vor dem Sterben entwickeln. Aber wir müssen begreifen, dass wir nicht alleine sind mit unserer Furcht, dass die Angst uns alle erfasst, aber dass wir sie miteinander teilen können. Wir müssen erkennen, dass die Erschütterungen der alten Ordnung ein gewaltiges Potenzial an bis dato gebundener Lebenskraft freisetzt, das uns nun befähigt, etwas völlig Neues zu schaffen. Wenn wir aber vor dem Unbekannten zurückschrecken, wenn wir uns vor der Verantwortung für das Neue drücken und nur zögerlich die nächsten Schritte gehen, dann deprimieren wir die Person, die wir werden zugunsten der Persönlichkeit, die wir waren.

Lets do it! Was haben wir denn noch zu verlieren?

Unser Leben wird sich dramatisch verändern, im politischen, im sozialen, im medizinischen Bereich ebenso wie im kulturellen Leben. Der von den Menschen längst eingeleitete Ökozid geht an den Nerv allen Lebens. Unsere Kinder drohen zu Überlebensmonstern zu mutieren, die es durch straffe Herrschaftsstrukturen unter Kontrolle zu halten gilt. Nicht mehr und nicht weniger.

Wer den Ernst der Lage noch immer nicht begriffen hat, den lade ich ein, mit mir im Geiste eine Computersimulationen durchzuspielen, die uns eine Vorstellung von dem erbärmlichen Zustand geben wird, in den wir unseren Heimatplaneten gebracht haben. Wir jagen die letzten hundert Jahre, also die Zeit, in der das Industriezeitalter ökologisch voll zu Buche schlug, durch den Zeitraffer und verdichten sie auf eine Stunde. Angenommen, wir starteten 1893 vor der amerikanischen Westküste in eine Umlaufbahn um die Erde: Pusteln bildeten sich entlang der Pazifikküste, die an der Ostküste bereits zu bedenklichem Ausschlag herangewachsen wären. Nach der Atlantiküberquerung stellten wir fest, dass ganz Europa davon befallen ist. Es sind die Städte, die wie Metastasen ins Land greifen. Schmutzige Schlieren ergössen sich in Flüsse und Meere. Unterdessen schrumpften die gigantischen Waldflächen in sich zusammen und machten braunen Wüsten Platz. Ein immer dichter werdendes Netz von Straßen und Schienen legte sich um den Globus, ganze Kontinente verschwänden unter einem diffusen Grauschleier. Endlich an den Ausgangspunkt zurückgekehrt, stellten wir fest, dass die Erde zu einer Geschwulst verfault ist, die von Rauch- und Abgasschwaden vielerorts gnädig verdeckt wird.

In fünfzig Jahren wird die ultraviolette Strahlung derart intensiv sein, dass kaum noch Pflanzen wachsen. Das betrifft auch die Grundnahrungsmittel wie Gerste und Reis. Biologisch gesprochen sind wir dabei, aus der Zeit der Bäume in die Zeit des Gestrüpps zu wechseln. Die immer drastischer werdende Erderwärmung beginnt bereits die Windrichtungen zu ändern. Je mehr Abgase wir in die Atmosphäre pumpen, desto hochtouriger läuft die planetarische Windmaschine. Super-Zyklons mit Geschwindigkeiten von bis zu 400 km/h könnten unsere Megametropolen bis hinein in die Innenstädte mit einem Schlag zerschmettern. Auch in Europa werden Hurrikane toben, wie wir sie uns nicht auszumalen vermögen. Sie werden unsere Mülldeponien ausschwemmen und den Feinstaub aus dreihundert Millionen Jahrestonnen chemischer Abfälle als giftigen Schleier übers Land legen. Wir werden mit Überschwemmungen in Gegenden zu rechnen haben, die darauf nicht eingestellt sind. Millionen Menschen werden Seuchen und Hungersnöten zum Opfer fallen. Es ist davon auszugehen, dass die mit Abfallstoffen beladenen Fluten zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen auf diesem Planeten vernichten werden. In Zukunft steigen die degenerativen Nervenkrankheiten in einem Maße an, dass wir uns in einer Welt von Zombies wähnen werden. 

Ich könnte Ihnen die aktuelle Schreckensbilanz bis zum Erbrechen zitieren. Der einzige Effekt, der sich bei Ihnen einstellen würde: Sie wären meiner Aufzählung schnell müde, Ihre Aufnahmefähigkeit und Ihr Empörungspotential wären schneller erschöpft, als es der Sache dienlich ist. Wir alle sind in individuellen Geschichten verstrickt, und es ist nicht einfach, sich dort herauszunehmen. Selbst wenn dies gelänge, wären wir doch nur mit unserer persönlichen Ohnmacht konfrontiert. 

In Zukunft werden wir unser Leben als manipuliertes Milliardenheer im Scheinpluralismus weniger Konzerne fristen. Unsere Demokratien sind schon jetzt zu Organismen verkommen, die allein durch wirtschaftliches Wachstum überleben. Bleibt dieses aus, und erste Anzeichen erleben wir gerade, macht sich sofort ein rechtes Protestpotential bemerkbar, das direkt in den verschleierten Faschismus führt.

Inzwischen glaubt die Mehrzahl der Menschen, dass die Lösung der ökologischen Probleme in erster Linie ein Fall für die Wissenschaft ist. Aber solange Wissenschaft und Ethik zwei getrennte Begriffe sind, wird sich an der Talfahrt des Lebens nichts ändern. Die Gentechnologie macht dies auf krasse Weise deutlich. Früher gab es in Asien über 300 verschiedene Reissorten, heute teilen sich einige Großkonzerne den Markt mit wenigen genmanipulierten Pflanzen. Die Folge ist, dass die erzwungenen Monokulturen ganze Landstriche veröden lassen. Wenn sich Wissenschaft und Ethik nicht in wechselseitiger Beziehung begreifen, werden wir keine Lösungen finden.

Es sind die ideologischen Barrieren der bis zum heutigen Tage betriebenen Formen des Umweltschutzes, die erkannt und beiseite geräumt werden müssen. Es geht darum, die Brille des alten Umweltschutzes, der eigentlich nur Menschenschutz bedeutet, abzunehmen und durch die Brille der ganzheitlichen Ökologie zu ersetzen. Sie erst lässt uns erkennen, dass die Umwelt nichts ist, was außerhalb von uns existiert, sondern dass wir Teil einer einzigen und einzigartigen Welt sind.

Es ist schon ein erbärmliches Zeugnis, wenn man das den Menschen in Erinnerung bringen muss. 

Dies sind einige kurze Auszüge aus einem Vortrag, den ich 1993 (!) an mehreren deutschen Universitäten gehalten habe. Hat sich seitdem irgendetwas zum Besseren gewendet? Gestern saß ich in meinem Lieblingscafé und das ist gut bestückt mit Magazinen und Zeitungen. Normalerweise fasse ich so etwas nicht mehr an, aber gestern machte ich eine Ausnahme. Prompt ließ mich die Informationsbeute erschauern. So berichtete der Spiegel, dass es in Deutschland fast keine Naturflächen mehr gibt, die wenigstens einen Kilometer von einer Straße entfernt liegen. Woanders las ich, dass der designierte US-Präsident Donald Trump mit dem Lobbyisten Myron Ebell einen entschiedenen Leugner des Klimawandels auserkoren hat, die Umweltschutzbehörde zu leiten. Aber da war ja noch dieses fantastische Foto einer aus dem Wasser ragenden tropfenden Walfischflosse, das sechs Spalten einer Zeitungsseite füllte und bei dessen Anblick ich unweigerlich daran dachte, dass es sich hier um einen engagierten Aufruf zum Schutz der Meeressäuger handelte. Stattdessen hieß es: WAL GRIFF URLAUBER AN! Das Brandenburger Umweltministerium meldete, dass ein „Problemwolf“ im Garten einer Kindertagesstätte gesichtet wurde. Den Deal der Firma Louis Vuitton mit vietnamesischen Krokodilfarmen nahm ich bewusst nicht zur Kenntnis, nachdem das Foto bereits ausreichend Aufschluss darüber gab, unter welchen Umständen unsere späteren Krokotaschen gehalten und gemeuchelt werden. Krokodile sind zähe Biester, sie überleben die Hammerschläge auf den Kopf und das Abhacken der Beine noch für Stunden. Ah, und dann noch dieser Bericht über einen Mann mit dem melodischen Namen Marc Morano. Marc Morano steht im Zentrum einer Propagandaschlacht, für die sich in den vergangenen Jahren in den USA mehr als drei Dutzend Lobbyorganisationen gegründet haben, die den Kampf gegen die internationale Klimaforschung mit mehreren Hundert Millionen Dollar befeuern. Der Schlachtruf des Krisenmanagers Morano ist einfach: „Klimawissenschaftler haben es verdient, öffentlich ausgepeitscht zu werden.“ Sein Arbeitgeber ist das Committee for a Constructive Tomorrow, eine Organisation, die sich als Gegenstück zu Greenpeace begreift. In den vergangenen Jahren wurde sie neben anderen von dem amerikanischen Autohersteller Chrysler sowie den Ölkonzernen ExxonMobil und Chevron finanziert. Wenn es diesen Leuten gelingt, dem vom Menschen gemachten Klimawandel etwas entgegenzusetzen, nämlich den vom Menschen gemachten Zweifel an der Klimaforschung, ist ihr Geld gut angelegt. „Das ganze menschliche Projekt ist eine Maschine ohne Bremsen, denn es gibt keinen Hinweis darauf, dass sich die politischen Führer der Welt der Realität stellen werden, bevor die Katastrophe eingetreten ist,“ ließ sich Steward Udall einst vernehmen. Udall ist einer, der es wissen musste, er diente den US-Präsidenten John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson von 1961 bis 1969 als Innenminister.

Ich packte den Stapel Zeitungen zusammen und legte ihn zurück ins Regal. Was ich jetzt brauchte war ein Stück unverbrauchter Natur. Bis zu den Wäldern oberhalb des Elbhanges bei Falkenstein war es eine knappe Stunde mit der S-Bahn. Die Reise hatte sich gelohnt. Endlich konnte ich durchatmen. Höhepunkt meines Waldspazierganges war ein Unfall. Ich stolperte über eine Baumwurzel und fiel der Länge nach hin. Dort lag ich plötzlich im faulenden Laub auf weicher schwarzer Erde. Wie gut sie doch roch! Ich krallte meine Finger in den Boden und hielt mir eine Handvoll der feuchten Substanz vor die Nase. Ich konnte nicht genug kriegen von diesem Duft. Und als ich gerade dabei war, mir das ganze Gesicht mit der Schwarzerde zu bestreichen, fiel neben mir ein Fahrrad ins Laub. Jemand rüttelte an meiner Schulter. „Haben Sie sich verletzt? Kann ich helfen?“  hörte ich eine kräftige Männerstimme sagen. „Nein, vielen Dank, alles gut,“ antwortete ich und rappelte mich auf. Als der Fremde in mein geschwärztes Gesicht blickte, verschwand er so schnell wie er gekommen war. Nichtsdestotrotz bleibt festzuhalten: Im Notfall wäre auf die Menschen Verlass ….

Bei Artaud (1896 – 1948) war alles Metamorphose für die totale Aufrichtung seines Seins. Für die Auferstehung.

Antonin Artaud war ein französischer Schauspieler, Dramatiker, Regisseur, Zeichner, Dichter und Theater-Theoretiker. 1920 zog Artaud nach Paris, wo er sich der Bewegung des Surrealismus anschloss, und begann zu schreiben: zuerst Gedichte, dann Prosa und andere Beiträge für Zeitschriften der Surrealisten sowie Drehbücher. Als Autor, als Schauspieler und als Regisseur brachte er es auf eine Mitwirkung in 22 Filmen (u. a. Fritz Langs Liliom 1934). Außerdem schrieb er 26 Bücher. Seinen Lebensunterhalt verdiente er u. a. durch seine Arbeit im Théâtre Alfred Jarry, das er 1926 in Paris mit Roger Vitrac und Robert Aron gründete. Im selben Jahr brach er mit der surrealistischen Bewegung, als ein Großteil ihrer Anhänger dem Surrealismus eine politischere, revolutionäre Ausrichtung geben wollte.

1936 unternahm Artaud eine Reise nach Mexiko, wo er einige Monate bei den Tarahumara-Indianern lebte. Er hat darüber ein Buch geschrieben. „Die Tarahumaras – Revolutionäre Botschaften“. Auf dieser Reise hätte er fast den Verstand verloren, so fremd war ihm die Kultur. Wie aus der Zeit gehoben. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich beherrschte ihn der Glaube an die baldige Apokalypse. Wegen „Gefahr für die öffentliche Ordnung und Sicherheit“ wurde er ab 1937 wieder und wieder in geschlossenen psychiatrischen Kliniken eingewiesen. Diagnostiziert wurde Schizophrenie. Es kam zu einer jahrelangen Behandlung mit Elektroschocks, Lithium, Insulin, Quecksilber- und Wismutpräparaten. 1946 wurde er mit finanzieller Hilfe von Freunden aus dem Asile d'aliénés de Paraire, einer Anstalt in Rodez, entlassen. Artaud erarbeitete für das Radio das Stück Pour en finir avec le jugement de dieu (Schluss mit dem Gottesgericht); an der Sorbonne hielt er einen Vortrag gegen die Psychiatrie.

Artaud nahm wegen chronischer Schmerzen über Jahrzehnte Drogen wie Laudanum, Opium, Heroin und Peyote. Bis 1930 war Heroin noch nicht verboten.

Am 4. März 1948 wurde Antonin Artaud in sitzender Haltung im Bett mit einem Schuh in der Hand tot aufgefunden.

WOW!

Am 8. Oktober empfahl Amitav Ghosh im englischen Guardian (die Zeitung, welche die Snowden-Dokumente als erste veröffentlicht hatte) meinen Roman "GO! - Die Ökodiktatur".

Titel des Artikels: "Where is the fiction about climate change?" Hier die Antwort.

"There is serious literature about a world after the climate disaster; for instance Dirk C. Fleck "Go! Die Öko-Diktatur" written in the year of 1993 anticipating not only catastrophic climate change but also the dying of many many refugees in the Mediterranean".

Willkommen im Zombieland! Hereinspaziert, meine Damen und Herren, hier sind Sie am Ziel ihrer Träume! Hier sind Sie unter sich, das wollten sie doch. Zombieland garantiert Ihnen ein Leben abseits der Realität. Zombieland ist das letzte Paradies auf Erden. Kommen Sie ruhig näher, der Eintritt ist frei. Bitte nicht drängeln, die Tore stehen jedem offen, eine Obergrenze gibt es nicht. Hereinspaziert, Herrschaften! Sobald Sie in der Registratur den Nachweis erbracht haben, dass Sie sich und ihre Kinder auf den Besuch entsprechend vorbereitet haben, werden Sie Bürger dieses Landes. Sie brauchen dafür nur drei Fragen zu beantworten:

  1. Haben Sie bereits in hochwertige Unterhaltungselektronik als Ersatz für die Realität investiert?
  2. Haben Sie die Sehenswürdigkeiten dieser Welt besucht, bevor diese von den Menschenmassen ruiniert wurden?
  3. Haben Sie darauf geachtet, ihre Kinder daran zu hindern, die Einsamkeit der unberührten Natur zu lieben?

Wenn Sie alle drei Fragen mit JA beantworten können, steht der Erteilung eines Zombieland-Passes nichts im Wege!

IRONIE ENDE.

Wer jetzt aber glaubt, dass die drei oben stehenden Fragen aus der Luft gegriffen sind, irrt gewaltig. Sie befinden sich als „Ratschläge für die Zukunft“ in der Studie „2052. Der neue Bericht an den Club of Rome. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre“, die der norwegische Zukunftsforscher Jørgen Randers bereits vor vier Jahren vorgelegt hatte, die aber in der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt geblieben ist. Dort heißt es auf Seite 383:

„Wenn Sie Ihrem Kind beibringen, die Einsamkeit der unberührten Wildnis zu lieben, so wird es etwas lieben, das es immer seltener geben wird. Sie erhöhen dadurch die Chance, dass Ihr Kind unglücklich wird, weil es das, was es sich wünscht, nicht mehr finden wird. Die neue Generation lernt besser von Anfang an, im pulsierenden Leben der Megastädte zu Frieden, Ruhe und Zufriedenheit zu finden und bei endloser Musikuntermalung in den Ohren.“

Die Randers-Studie enthält aber nicht nur solch vermeintliche Slapstick-Passagen, sie benennt das aufkommende Dilemma in bisher nie gekannter Offenheit. Hier einige Beispiele:

„Wir werden zu lange dem Ideal verhaftet bleiben, dass individuelle Rechte Priorität gegenüber dem Allgemeinwohl genießen, eine Sichtweise, die in einer immer dichter gedrängten Welt immer weniger hilfreich sein wird.“ (S. 58)

„Die Trennung zwischen dem geschriebenen und gesprochenen Wort ist bereits jetzt am Verschwinden und als Reaktion darauf entwickeln sich neue Normen, was Vertrauen, Privatsphäre und den Austausch von Gefühlen betrifft. Die Besonderheit der elektronischen Kommunikation über SMS, E-Mail und soziale Medien ist dabei, dass alles aufgezeichnet wird und zurückverfolgt werden kann. Das Paradoxe dabei: Was in elektronischer Form „zu den Akten“ gelegt wird, muss etwa alle zehn Jahre aufgefrischt werden und ist damit weit weniger dauerhaft als Aufzeichnungen auf Papier, die Jahrhunderte überdauern können.“ (S. 210)

„Die meisten der genannten Besonderheiten, die verloren gehen werden, sind für den Durchschnittsbürger kaum von Interesse, weil ihr Genuss für ihn ohnehin nie erschwinglich war. Das ist tatsächlich der Fall, und es ist einer der Hauptgründe, weswegen ich glaube, dass sich keine demokratische Mehrheit für vorbeugende Maßnahmen zu ihrem Erhalt finden wird.“ (S. 214). Die Erkenntnis, dass demokratische Entscheidungsfindungen nicht ausreichen werden, um auf die Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen, angemessen reagieren zu können, ist nicht neu. Der ehemalige UN-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali hatte bereits 1992 darauf hingewiesen.

„Ich vermute, der Übergang des Militärs zur grünen Truppe wird sehr viel rascher erfolgen als erwartet. Dies wird der immaterielle Ausdruck des vielleicht bedeutendsten nicht–materiellen Wandels der kommenden 40 Jahre sein: des geänderten Feindbilds. Nicht der nächste Nachbar mit einer abweichenden Meinung über Regierungssysteme oder Religionen wird der Feind sein, sondern der vom Menschen verschuldete Klimawandel. Nicht jemand anderes, sondern das Kollektiv, dem jeder von uns angehört – oder um ein Poster vom ersten Earth Day 1970 zu zitieren: ‚Wir sind dem Feind begegnet und wir sind es selbst.’“ (S. 227). Kleine Anmerkung meinerseits: den Übergang des Militärs zur „grünen Truppe“ hatte ich bereits in meinem Roman „GO!-Die Ökodiktatur“ vollzogen, wo die sogenannten „Grünhelme“ über Rechte verfügen, die wir uns besser nicht wünschen sollten.

„Die größte Herausforderung in unserer gemeinsamen Zukunft ist also nicht das Lösen der Probleme, sondern die Entscheidung, sie auch lösen zu wollen. Das erfordert viel Überzeugungsarbeit. Die Einsicht, dass wir handeln müssen, wird kommen. Aber spät. Und das Handeln selbst wird noch später kommen. Und noch später erst sehen wir die Ergebnisse des Handelns.“ (S. 277)

„Die moderne Finanztheorie ignoriert die natürlichen Ressourcen. Naturkapital kommt weder in den Bilanzen der Unternehmen noch in denen der Volkswirtschaften vor. Verglichen mit der andauernden (Fehl)Allokation von Kapital in fossile Vorräte ist die Subprime-Blase nur eine Kleinigkeit. Finanzkrisen entstehen dann, wenn die Märkte erkennen, dass sich das, was bisher als solider Wert galt, in Luft auflöst. Aufgabe der Finanzregulierungsbehörden wird es sein, die Bombe „fossile Kapitalanlagen“ zu entschärfen, bevor sie hochgeht.“ (S. 306)

Nun steht Jørgen Randers mit seinen Thesen beileibe nicht alleine da. In einem Bericht für globale Nachhaltigkeit, der von den Vereinten Nationen in Auftrag gegeben wurde und den Titel trägt „Robuste Menschen – Robuster Planet. Für eine lebenswerte Zukunft“ heißt es:
„Wir müssen die Ausmaße der Herausforderung begreifen! Wir können nicht länger von der Annahme ausgehen, dass unsere kollektiven Handlungen keine Auslöser für Kipp-Punkte sind, wenn wir ökologische Schwellenwerte überschreiten und riskieren, dass dem Ökosystem und den menschlichen Gemeinschaften irreversibler Schaden zugefügt wird. Die Kommission glaubt jedoch, dass unsere menschliche Gemeinschaft willens und in der Lage ist, eine Entscheidung für die Zukunft zu treffen. Die Kommission ist daher hoffnungsvoll. Alle großen hatten ihren Ursprung in einer Vision, bevor sie Wirklichkeit wurden. Die Vision der globalen Nachhaltigkeit, die sowohl zu robusten Menschen als auch zu einem robusten Planeten führt, macht darin keine Ausnahme“.

Das Fazit der Kommission mag so machen beruhigen, mich beruhigt es nicht angesichts der Wucht und Geschwindigkeit, mit der eine durchgeknallte Politik- und Finanzelite den zerstörerischen Tsunami weiterhin unbeirrt aufbaut, dem wir außer einigen gutgemeinten Postulaten nichts entgegenzusetzen haben. Mit der Realität hat das wenig zu tun. Wir befinden uns in einem neuen Zeitalter, im Anthropozän. Es bezeichnet die Ära, in der wir Menschen zum wichtigsten Einflussfaktor auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden sind. Mit einem Ergebnis, das sich sehen lassen kann. Die Natur ist gerade dabei, ihre globalen Dienstleistungen einzustellen. Jedes Jahr lieferte sie den Menschen einen Nutzen von 33 Billionen Dollar. In Form von Früchten, in Form von Wasser, das in den Flüssen gereinigt wird, und in Form einer CO2-Wäsche, die von den Pflanzen vorgenommen wurde. Nach Schätzungen der Wissenschaftler Paul Hawken und Frederic Vester betrug der natürliche Kapitalstock 400 bis 500 Billionen Dollar, von denen schon jetzt mehr als die Hälfte aufgebraucht ist. Ein verheerender Ist-Zustand mit verheerenden Langzeitfolgen, die in unserer Bilanz noch gar nicht auftauchen.
Angesichts dieser Fakten ist Hoffnung nichts anderes als ein Beruhigungsmittel, ein Placebo. Da sind die Verhaltensregeln, die Jørgen Randers empfiehlt, nur logisch. Sie haben unbestreitbare Vorteile, so braucht man zum Beispiel seine Schwiegermutter nicht mehr zu besuchen, da sie ja jederzeit als holografisches Konstrukt im Wohnzimmer abrufbar ist. Zwischenmenschlich also alles in Butter in Zombieland …

Ein Dienstag im November, nachmittags 14:30 Uhr. In den Wohnzimmern gegenüber brennt Licht. Die Stadt zieht die Schultern ein im Regenstaub. Novembertage sind wie Ertrinkende: kaum dass sie sich ans Licht erheben, versagen ihre Kräfte. Sie tauchen aus Nacht und Dämmerung, tropfend, besudelt und klamm. Legen sich auf die Gesichter der Menschen. Stumpfe Masken in gezähmter Hysterie. Man muss in die Offensive gehen, um ihre schreckliche Macht zu brechen, von der sie keine Ahnung haben. Jemand nach der Uhrzeit fragen, zum Beispiel. Oder mit einer heißen Tasse Tee zu den Büchern schlurfen, um ein wenig zu stöbern in der Welt des Geistes und der Poesie. Palinurus fällt mir ein, “Das Grab ohne Frieden”. Ein Band aus der Suhrkamp-Bibliothek, schwarzer Schutzumschlag. Titel und Anmutung des Buches hätten mich eigentlich warnen sollen. Ich werfe in aller Unschuld einen Blick hinein ins Grab:

„Der Zyklus der Stunden. Die Lemuren jammern in mitternächtlicher Klage. Ein Uhr früh: Zorn wird Elend. Zwei Uhr früh: Elend wird Panik. Ebbe und Nadir der Hoffnung (Fußpunkt gegenüber dem Zenit) ungefähr von zwei bis vier Uhr früh. Magische Euphorie steigt in den Stunden von vier bis sechs Uhr früh auf – das fruchtbringende „Alles Klar“: Friede und Sicherheit kommen aus der Verzweiflung“.

Palinurus. In der griechischen Mythologie ist er der umsichtige Steuermann des Aeneas auf dessen Irrfahrt vom zerstörten Troja nach Italien. Palinurus ist aber auch das Pseudonym, das  Cyril Vernon Connolly (1903 – 1974) für gewisse Schriften gerne benutzte. Connolly war ein englischer Literaturkritiker der ganz scharfen Zunge. Außerdem war er Herausgeber der maßgeblichen Literaturzeitschrift Horizon und wurde von den Sprachverdrehern, die sich Schriftsteller nennen, extrem gefürchtet.  

Der Text, den ich zitiert habe, beschreibt einen Zustand, der uns allen mehr oder weniger vertraut ist. Denn was sich zur Zeit vor unser aller Augen so unverblümt abspielt, von der Vorbereitung eines Atomkrieges bis hin zum ökologischen Kollaps, bis zum Ökozid, kann einen schon zur Verzweiflung treiben. Dann muss man sich fallen lassen, sich den Depressionsschüben hingeben, in der Hoffnung, dass eine leichte Woge der Lebensfreude einen wieder einmal ans rettende Ufer spült. Palinurus kennt da einen Trick: „Durch künstliche Stimulation des Gehirns (was meint er wohl damit?) können die Gedanken veranlasst werden, sich Freiheiten herauszunehmen. Die Hirnrinde ist eine Gedankenmaschine. Sie kann aufgeputscht, verlangsamt, gehemmt werden, man kann ihr verschiedene Arten Brennstoff zuführen, je nach den Ideen, die sie hervorbringen soll“.

Während ich im Geiste sämtliche mir bekannten Stimulanzen bis hin zu den klassischen Psychedelika wie Mescalin oder Ayuhuasca durchchecke, entdecke ich eine Stelle in dem Buch, in der Cyril Connolly ganz andere „Werkzeuge“ auflistet, mit denen er seine Gedankenmaschine in Bewegung zu setzen pflegte. Stimulierende Berghöhen zum Beispiel, nasses Wasser (!) die Südwest-Stürme, Fenster, die auf Häfen hinausgehen, Schnee, Frost, die elektrische Glocke nachts vor einem Kino.  Ich mag den Mann, dessen messerscharfer Verstand immer vom Herzen gesteuert wurde und der  fürchterlich unter seinen Fettsucht gelitten hat, was seinen Zynismus teilweise erklärt. Wobei man eigentlich noch viel härter formulieren sollte. Es sind immerhin vierzig Jahre auf dem Irrweg vergangen, den die Menschheit so blind beschreitet. Hier einige Sätze von Palinurus, die den Zyklus der Stunden, in dem Cyril Connolly gefangen war, verständlich macht:  
„Das Elend der Menschheit ist vielfältig und brütet überall Verzweiflung, Furcht, Hass und Zerstörung aus; so wird unser Frieden vom Krebs befallen. Die Natur hat keinen Platz in unserer Kultur, der Rhythmus der Jahreszeiten ist gestört, die Früchte der Erde verloren ihren Duft, die Tiere, Miterben unseres Planeten, wurden mutwillig ausgerottet. Wir haben den Gott in uns und in der Welt verleugnet. Weisheit und Gelassenheit werden Schätze, die man verbergen muss, und Glück ist eine verloren gegangene Kunst. Das Ressentiment triumphiert. Man kann schon die nahende Weltneurose erkennen, die Neurose einer Welt, in der absterbende Instinkte (mit Ausnahme des Instinkts für Massengemetzel), Missbrauch des Intellekts und Perversion des Herzens unsere Kenntnis vom Lebensziel zerstören werden: die Menschheit wird an ihrer eigenen Galle ersticken“.

Hat noch jemand etwas hinzuzufügen? Nein? Dann lasse ich den russischen Schriftsteller Alexander Kuprin (1870 – 1938) sprechen, dessen „Sündiges Viertel“ mir eben in die Hände fiel. Bitte sehr: „Mir wird übel von diesen Lügnern, Feiglingen und Fresssäcken! Diese Elenden! Der Mensch ist für große Freude geboren, für ständiges Schöpfertum, in dem er sich als Gott beweist, für freie, durch nichts eingeengte Liebe zu allem: zu Baum und Strauch, zum Himmel, zum Menschen, zum Hund, zur lieben, wundermilden, herrlichen Erde, ja, besonders zur Erde mit ihrer gesegneten Mütterlichkeit, mit ihren Morgen und Nächten, mit ihren tagtäglichen Wundern. Und der Mensch hat sich so erniedrigt. Sich selbst so verdorben durch Lügen und Bettelei. Ach, es ist so traurig!“ Sowohl bei Palinurus als auch bei Kuprin entspricht der Grad an Empörung der Größe ihrer Sehnsucht, die ja fast ein Flehen ist.

Aber wenn ich mich hier schon fleißig bei anderen bediene, so sollte ich mich zumindest einmal selbst zitieren. Der folgende Abschnitt stammt aus Maevas Rede (enthalten in dem Roman „Das Südsee-Virus“, dem zweiten Band meiner Maeva Trilogie). Sie hält diese Rede anlässlich ihrer Wahl zur Vorsitzenden der URP (United Regions of the Planet). In dieser Rede sagt sie:
„Von allen Gefahren, die uns heute drohen, ist keine so groß, wie die weltweite Verdrängung nicht mehr zu leugnender Fakten. Ich verstehe dieses Bedürfnis. Einzeln fühlen wir uns angesichts der Wahrheiten, die es heute zu konfrontieren gilt, so klein und zerbrechlich, dass wir glauben, es würde uns in Stücke reißen, sobald wir uns erlaubten, unsere Gefühle über den Zustand der Welt zuzulassen. Wir befürchten eine tiefe Depression oder Lähmung. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir den Schmerz, den wir für die Welt empfinden, unterdrücken, dann isoliert uns das. Wenn wir ihn jedoch akzeptieren, anerkennen und darüber sprechen, dann merken wir, dass er weit hinaus geht über unser kleines Ego, dann erfahren wir durch ihn eine größere Identität, dann wird er zum lebendigen Beweis unserer Verbundenheit mit allem Lebendigen. Unser Schmerz um den Zustand der Welt und unsere Liebe für die Welt sind untrennbar miteinander verbunden, sie sind zwei Seiten derselben Medaille.“

Als Schriftsteller hat man es einfach, da kann man sich gelegentlich am Schopfe seiner eigenen  Romanhelden aus dem Sumpf ziehen. Dabei werfen wir natürlich weiterhin schaudernd einen schüchternen Blick auf die Zeichen, welche seit langer Zeit an der Wand prangen (Its written on the wall!). Aldous Huxley (1894 – 1963) sticht mir in die Augen. Zufall? „Bereits in der nächsten Generation werden die Herrschenden der Welt feststellen, dass frühkindliche Konditionierung und Narkohypnose als Herrschaftsinstrumente sehr viel effizienter sind als Schlagstöcke und Gefängnisse, und dass Machthunger sich nicht nur dann befriedigen lässt, wenn man die Leute zum Gehorsam prügelt, sondern ebenso gut, wenn man sie mittels Suggestion dazu bringt, ihr Sklavendasein zu lieben”.   

Oh, oh... hab ich denn nichts positives im Regal? Doch, natürlich:, Carl Amery (1922 – 2005), schrieb „Die ökologische Chance“, klingt doch gut. Was ist sein Fazit?  „Wenn wir zum Abschluss unserer schmerzlichen Bilanz eine neue ethische Orientierung der Menschheit, zumindest ihres aktivsten und aggressivsten Teils, fordern, dann haben wir von der Tatsache auszugehen, dass noch nie die moralischen und ethischen Werte der Zeitgenossen so weit von den objektiven Anforderungen ihrer Epoche entfernt waren wie heute.“   

Nö, ich mag nicht mehr. Aber bevor ich nicht einen von Grund auf beseelten und positiven Text gefunden habe, gehe ich nicht raus aus dieser Horrorbibliothek.  Mal sehen, was haben wir denn da? Eine Frau. Ingeborg Bachmann (1926 - 1973)  ist nie verkehrt:  “Wer, wenn nicht diejenigen unter Ihnen, die ein schweres Los getroffen hat, könnte besser bezeugen, dass unsere Kraft weiter reicht als unser Unglück. Ich glaube, dass dem Menschen eine Art des Stolzes erlaubt ist – der Stolz dessen, der in der Dunkelheit der Welt nicht aufgibt und nicht aufhört, nach dem Rechten zu sehen”.

So ist es, Ingeborg, aber wahrhaft tröstlich ist das nicht. Aber da wäre ja noch der fabelhafte US-amerikanische Schriftsteller  Henry David Thoreau (1817 - 1862), der in den Wäldern bei Concord einer alternativen Lebensgemeinschaft angehörte, in der man sich frei wähnte vom verhassten System. Er hat mich bisher nie enttäuscht.  “Wir wollen uns die Ärmel aufkrempeln,” lese ich, “und unseren Weg bahnen durch den Dreck und Schlamm von Meinung, Vorurteil, Tradition, Blendung und Schein, die den Erdball überschwemmen, durch Paris und New York, durch Kirche und Staat, durch Dichtung, Philosophie und Religion, bis wir auf festen Grund und solide Felsen stoßen. Diesen Ort können wir Wirklichkeit nennen und sagen: Das IST, einen Irrtum gibt es nicht. Und dann beginne ein Realometer einzurammen, damit künftige Zeiten erfahren, wie hoch die Wellen von Trug und Schein zeitweilig schlugen”.  

Großartig, nicht wahr? Aber das ist es nicht, wonach ich suche. Ich suche, wie soll ich sagen, nach etwas, das außerhalb der Analyse liegt, die ja doch nur schrecklich ausfallen kann. Nach einem wahren Mutmacher. Hermann Hesse (1877 – 1962)! Hesse ist immer gut.

„Die Welt zu durchschauen, sie zu verachten, mag großer Denker Sache sein. Mir aber liegt einzig daran, die Welt lieben zu können, sie und mich und alle Wesen mit Liebe und Bewunderung und Ehrfurcht betrachten zu können“.   

Na bitte. Der Tee ist kalt. Licht aus. Alles wieder in Balance in meiner Bibliothek, wäre ja auch gelacht ...

Der p.machinery Verlag teilte mir mit, dass die Bibliothek der Monash University in Melbourne die Maeva Trilogie bestellt hat. Die Monash University ist eine der acht führenden australischen Universitäten (Group of Eight) und neben der Universität Melbourne eine der beiden großen Universitäten in Melbourne, der Hauptstadt des australischen Bundesstaates Victoria.
Unsere Bücher scheinen es wirklich weit zu bringen. Ein Blick auf die Website der Universität erklärt einiges, denn das Motto von Monash lautet: 

MAKE CHANGE

To the way you think. To the path you take.
To the lives of people all over the world.
Change your mind. Study at Monash. Change the world. Research at Monash

Ich bin ein wenig stolz darauf, dass man die Trilogie nun auch in Down Under entdeckt hat, zumal Australien im zweiten Band eine wichtige Rolle spielt.

http://www.monash.edu

Seite 1 von 8

Login Form