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Alles auf rot

ALLES AUF ROT ist eine Privatedition von nur 50 Exemplaren, die ausschließlich für Freunde oder Menschen meines Vertrauens gedacht waren.

Frei nach dem Motto von Jean Paul: “Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde!”

 

LESEPROBE:

Erstaunlich, wie routiniert ich trotz der Wunde, die Divushka gerissen hatte, meinen journalistischen Verpflichtungen nachkam. Die Porträtserie war zu einem unverzichtbaren Bestandteil der Zeitung geworden, Schludrigkeiten konnte ich mir nicht erlauben. Welch ein Segen, dass mir nach ihrem Weggang Persönlichkeiten wie Jürgen Flimm, Daniel Barenboim und György Konrad zur Verfügung standen. Die Termine waren Wochen vorher verabredet worden, aber es schien, als sei dieses Dreigestirn extra für meinen schweren Liebesunfall rekrutiert worden. Andere Kandidaten aus Deutschlands trivialer  Prominentenriege hätte ich nicht ertragen. Ich war zu der Überzeugung gelangt, dass wir besser den Mund hielten – alle miteinander. Was immer die Selbstdarsteller aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien und Showbusiness glaubten von sich geben zu müssen, seit Divushkas reduzierter Poesie war jedes Wort, das nicht im Dienste der Liebe stand, ein Wort zu viel in meinen Ohren. Vielleicht sollte man jedem, der nach Macht und Öffentlichkeit strebt, ein Jahr des Schweigens auferlegen. In einer solchen Gesellschaft würde Verantwortung neu definiert werden.

Flimm hatte mich in seine Wohnung geladen. Er stand kurz davor, die Intendanz des Thalia-Theaters abzugeben und machte aus seiner Müdigkeit keinen Hehl. Ich ließ ihn lethargisch plaudern. Über die Vergesslichkeit unseres politischen Gemeinwesens zum Beispiel und darüber, dass er gerne Pfarrer geworden wäre. Die Tatsache, dass Pfarrer seit Jahrhun- derten nur eine Botschaft predigten, die Botschaft der Liebe, machte für ihn das Wesen der Kommunikation aus. An dem Schriftsteller György Konrad, damals Präsident der Akademie der Künste, gefiel mir, dass er an der Tür seines eigenen Büros anklopfte, wenn er wieder einmal im Hause unterwegs gewesen war, um Unterlagen für meine Arbeit zu besorgen. Der Opernintendant, Pianist und Dirigent Daniel Barenboim erklärte mir, dass Musik die meiste Zeit unerhört bleibt. »Der Klang wohnt nicht in dieser Welt!« Musiker verpassten ihm zwar gelegentlich ein akustisches Gewand, danach aber würde er wieder in die Stille eingehen. Mit dem Schmerz, da waren wir uns einig, verhält es sich ähnlich. Wenn wir nicht schreien, heißt das ja nicht, dass er nicht existiert.

Die Wochen nach Divushkas Auszug verbrachte ich wie in Trance. Ich wanderte unsere Wege ab, um Erinnerungen zu neutralisieren, die wie Tellerminen in der Stadt auslagen. Hier hatte ich erfahren, was Baum auf Russisch heißt, dort steckte sie mit dem Absatz im Siel, über dieses Brückengeländer war sie balanciert, ohne meine ausgestreckte Hand in Anspruch zu nehmen.

Mit Divushka war mir das Samtkissen aus der Auslage meines Lebens gestohlen worden, auf dem die Schmuckstücke der Erinnerung erst ihren wahren Glanz entfalten. Anmut und Herzensbildung dieses Mädchens haben mich beschämt. Vor allem hat sie mich gelehrt, um wie viel reicher ein Mann beschenkt wird, wenn er das Verlangen der Frau höher schätzt, als sein eigenes. In sechs Wochen haben wir viermal miteinander geschlafen, aber jede dieser Nächte war um so vieles kostbarer, als tausend geschnorrte Sexhäppchen, an denen der Zweifel nagt.

Weil ich nicht wagte, sie richtig zu küssen, berührte ich ihre heißen Lippen mit äußerster Ehrfurcht – ein winziges Nippen, nichts Geiles; sie aber presste mit einem ungeduldigen Ruck ihren Mund so fest gegen den meinen, dass ich ihre starken Schneidezähne fühlte und an dem Pfefferminzgeschmack ihres Speichels teilhatte. - Niemand von uns Infizierten hat sich eleganter und sinnlicher zu der Verzauberung bekannt, als Grandseigneur Vladimir Nabokov.

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